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Interview mit Dr. phil. habil. Dr. theol. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz – Preisträgerin des Hl.-Edith-Stein-Preises

Interview mit Dr. phil. habil. Dr. theol. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz.

Wann entdeckten Sie Edith Stein und ihre Schriften als Gegenstand für Ihre wissenschaftliche Forschung?

Das ist schon lange her – der erste Kontakt war in den 1980er Jahren. Zuerst habe ich einige Vorträge über Edith Stein gehalten, dann habe ich einige Artikel geschrieben, die noch nicht von wissenschaftlichem Interesse waren, sie waren eher von Wert für das Christentum des 20. Jahrhunderts. Schließlich erweckten meine Artikel jedoch das Interesse der Oberin Sr. Maria Amata Neyer OCD des Karmelitinnenklosters in Köln und ich wurde gebeten, an einer Neuausgabe der Texte von Edith Stein mitzuarbeiten. Es handelte sich nicht um eine Gesamtausgabe, sondern um eine „gelbe Werkausgabe“ des Herder-Verlags. Als mir 1993 ein Lehrstuhl an der Technischen Universität Dresden angeboten wurde, war für mich klar, dass ich Edith Steins Denken folgen würde bei meiner Arbeit mit den dortigen „Atheisten“. Im Jahr 1998, während der Heiligsprechung in Rom, wurde die wissenschaftliche Ausgabe (ESGA) ins Leben gerufen und als Team realisiert. Dieses wunderbare Unterfangen vereint ein ganzes Team von Forschern.

Welche Leistung oder welches Erlebnis während Ihrer Forschungsarbeit zu Edith Stein ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Dass aus dem Unglauben über das Denken der Glauben entstehen kann. Man muss erst einmal im Kopf aufräumen, bevor man glaubt. Gedankliche Vorurteile blockieren den Verstand und leider auch das Herz. Deswegen habe ich verstanden: Gute Theologie braucht dringend gute Philosophie.

Hat die Auseinandersetzung mit Edith Stein ihr Leben verändert bzw. einen Einfluss darauf?

Ja, natürlich! 1994 gründeten wir, zunächst in Dresden und später in Speyer, die Edith-Stein-Gesellschaft. Ich wurde Vizepräsidentin und verdanke dieser Funktion viele Kontakte und Freundschaften. In meinem Innenleben verdanke ich Edith noch viel mehr: Ich war erstaunt über die Erfahrung, wie viele Studenten, die nicht gläubig waren, sich mit den Gedanken von Edith Stein befassen und sich sogar von ihnen leiten lassen konnten. Mindestens eine Taufe war auch das Ergebnis der Arbeit mit ihren Texten. Was die Veränderungen in mir betrifft: Ich habe mich mehr mit den deutschen Juden, der Shoah und der Schuld meines Landes beschäftigt.

Sind Sie mit Originaldokumenten von Edith Stein in Berührung gekommen?

Ja, eine Zeit lang hatte ich sogar, neben anderen Dingen, die meisten ihrer Briefe zu Hause. Ich war mir bewusst, dass mir ihr persönlicher Schatz, den sie hinterlassen hatte, anvertraut worden war. Heutzutage darf man die Originale nicht mehr anfassen. Ich fühlte mich damals sehr privilegiert.

Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste, was man von Edith Stein in Erinnerung behalten sollte?

Sehr wichtig: Ihre große und großherzige Nachfolge Christi als Jüdin. Damit wird sie zur unerhört bedeutsamen Brücke zwischen Juden und Christen. Im Brief an die Römer spricht Paulus von der Versöhnung des Alten und des Neuen Bundes, die bei ihm ein Zeichen für die Endzeit ist.

Wenn Edith Stein noch leben würde, welche Frage(n) würden Sie ihr stellen?

Ich würde zweierlei fragen: wieviel ich selbst ihrer Fürbitte in meinem Leben verdanke und wieviel mein Land ihr verdankt, um aus dem Meer von Leid und Schuld wieder aufzutauchen. Es wäre schön, das wirklich zu erfassen und ihr danken zu können. Vermutlich würden wir staunen.